Montag, 22. Oktober 2007

Grönland, Tag 4 (II) - Die härteste Etappe

Hat etwas länger gedauert, was zum Teil an der RingCon lag, zum Teil daran, daß meine Motivation, weiterzubloggen, sich unter Sakuras Schrank verkrochen hatte (danke an Stina fürs Wieder-Herbeijagen) und zum Teil daran, daß ich partout nicht mehr wußte, ob eine bestimmte Flußüberquerung jetzt am 4. oder 5. Tag war; im Forum steht's auch noch falsch. Ähem, ich kann das erklären *hust*.

Eine weitere Begebenheit trug sich auch noch vor dem großen Abstieg zu, allerdings gibt es da keine Fotos davon: als wir so oben auf dem Berg durch die Wolke tappen, wollen wir an einem Fluß die Wasserflaschen auffüllen. Plötzlich sehen wir durch den Nebel Schemen am Fluß. Menschen! I see shapes of men...

Es scheint noch eine weitere Gruppe Wanderer diesen Weg genommen zu haben. Als wir näherkommen, erkennen wir, daß es keine anderen sind als ausgerechnet die Franzosen vom Flughafen. Zunächst mal ist das ja nicht schlimm, und daß man tatsächlich mal jemandem unterwegs begegnet, auch nicht - unser Chef ist aber verstimmt, daß die Franzosen wohl eine sehr ähnliche Route laufen wie wir und die gleichen Lagerplätze im Sinn haben. Ich kann die Verstimmung gut verstehen, eigentlich ist Grönland nun wirklich groß genug, und das Unternehmen, mit dem wir unterwegs sind, geht diese Route nun schon nicht erst seit gestern. Klar haben sie bei der Gegend, die niemandem gehört, kein Recht darauf, irgendeinen Platz als ihren zu beanspruchen, auch wenn sie die ersten waren, die die Route so gelaufen sind, aber es ist doch für beide Gruppen nicht schön, wenn man sich bei den Lagerplätzen dann auf den Füßen steht. Da könnten sich selbst Konkurrenten doch absprechen, wenn man schon die gleiche Route läuft, das dann eben um ein paar Tage versetzt zu machen! Es ist ja nicht so, daß man nicht an einer Hand abzählen könnte, welche Reiseunternehmen da oben irgendwelche Touren veranstalten.

Aber na schön, wir können's nicht ändern, also werden wir eben die schon vorher kennengelernte grönländische Tradition des gegenseitigen Ignorierens pflegen. Da beide Gruppen wohl auch nicht auf großartige Interaktion erpicht sind, ist das wohl die sinnvollste Lösung. Unsere Wege trennen sich auch gleich wieder, da die Franzosen offenbar weiter oben laufen als wir, während unser Chef sagt, bei dem Wetter ergäbe das keinen Sinn.


Wolken, Berge, Wolken, Fjord und Steine

Da auch auf unserer Höhe immer noch gelegentlich Wolken sind, und weiter oben noch mehr davon, sind wir seiner Meinung. Wolke von innen hatten wir für heute eigentlich genug.


Wir sind immer noch recht hoch oben


Und wir hängen gelegentlich noch in der Wolke

Im Fjord sind tatsächlich auch ein paar kleine Eisberge. Die wollen natürlich auch fotografiert werden.


Da sind Eisberge im Fjord.


Wir kommen dem Wasser näher

Auf dem nächsten Foto ist der Fjord links Ikaasatsivaq; rechts geht es in den Meeresarm bei Tiniteqilaaq, der wohl an dieser Stelle keinen eigenen Namen hat - oder doch... auf meiner einen Karte heißt er (Sarpaq) Aariaa, auf der anderen Karte ist das viel weiter südlich. Sarpaq zumindest heißt die Insel vor Tiniteqilaaq, und damit wohl auch der Meeresarm drumherum, aber Aariaa könnte wohl sein. Da ich aber immer noch kein Ostgrönländisch kann, weiß ich nicht mal, ob die beiden Wörter nun zusammengehören oder nicht, und wenn sich die Karten nicht einig sind, kann ich da nur raten, daß Aariaa etwas Eigenständiges ist, weil es immer groß geschrieben wird, also könnte das Wasser hier wohl so heißen.
Die beiden Ausläufer im Vordergrund hören bald auf und gehen sozusagen in den Fluß über, der da in den Fjord fließt.


Links der Ikaasatsivaq-Fjord, rechts Kartenchaos...

Je niedriger wir kommen, desto mehr sehen wir von der Flußumgebung. Dort gibt es eine Landschaftsform, die mir von Island her hinreichend vertraut ist: Buckelwiesen. Wie Pyr schon im Forum kommentierte: sie sehen aus wie 'eine Herde Gras'. Laut Holger gibt es die auch bis Sibirien, wo die höchsten zu finden sind, mit einer Buckelhöhe von bis zu 2 Metern (eeek?!).
Wenn man mit Pferden unterwegs ist, ist diese Landschaftsform sehr praktisch, weil man sich beim Aufsteigen nämlich einfach auf einen Buckel stellen kann und das Pferd dazwischen; für Fußgänger sind die allerdings einfach nur nervig, wenn man sie überqueren muß. Normales Laufen ist auf diesen Dingern unmöglich, entweder man schlängelt sich zwischen ihnen durch oder versucht, obendrauf zu laufen, was allerdings in unregelmäßiges Gespringe von Buckel zu Buckel ausarten kann. Obendrein sind diese Dinger obendrauf nicht unbedingt fest, manchmal ist das nur Gras und kaum etwas drunter... das ist allerdings zwischen ihnen meist auch nicht besser, da die Gegend oft sumpfig ist, so daß zwischen den Grasbuckeln Sumpf ist und man obendrauf 'laufen' muß.
Alles in allem sieht's also zwar hübsch aus, aber als Untergrund zum Laufen sind sie alles andere als angenehm.


Arktische Buckelwiesen

Immerhin gibt es da oben, wo wir sind, immer noch genügend Steine.


Großer schwarzer Stein in der Gegend

Der Abstieg ohne Weg und Steg gestaltet sich manchmal als fast senkrechtes Runterkraxeln über die Hänge; wenigstens gibt es da noch Grünzeug, auf dem man zwar leichter ausrutscht, was aber so generell weicher ist als die Steine, wenn man doch mal hinfällt oder gezwungen ist, den Hintern als zusätzliches Bein zu verwenden. Wir versuchen das aber zu vermeiden.


Abstieg - fast senkrecht runter

Außer gewöhnlichem Grünzeug gibt es da auch nettes blühendes Grünzeug. Auch ein alter Bekannter aus Island, den ich immer wieder gern sehe: das arktische Weidenröschen.


Arktische Weidenröschen

Das Gewächs daneben ist übrigens die arktische Version von Sauerampfer, den ich unter dem Namen Säuerling kenne und den man auch essen kann, schmeckt wie normaler Sauerampfer eben und enthält Vitamin C. Da wir hier sonst nicht viel davon kriegen, pflege ich gelegentlich ein, zwei Blätter zu naschen (nicht zu viel, er enthält vermutlich wie der normale Sauerampfer auch Oxalsäure, die Probleme verursachen kann); Kosh allerdings weigert sich, die Vegetation abzuweiden ;).


Mehr arktische Weidenröschen

Dieser Canyon erinnert mich irgendwie an den, durch den Merry und Pippin von den Uruk-hai getragen werden.


Canyon

Auf der anderen Seite haben wir jetzt einen Blick auf diverse Gletscherzungen, die von den Bergen herunterkommen und den Eis-und-Schnee-Fan Kosh in helles Entzücken versetzen.


Einige Gletscherzungen

Wir laufen immer noch auf halber Höhe am Hang entlang, damit wir dem Fluß und seiner Umgebung nicht zu nahe kommen.


Wir umgehen dieses Flußdelta

Von oben sieht man schon, daß da unten kein sinnvolles Fortkommen möglich wäre, weil es zu sumpfig ist.


Dort unten ist es sumpfig und buckelwiesig

Hier oben gibt es auch noch einen schönen Vertreter prähistorischer Gewächse: den Bärlapp. Ich mag solche Sachen seit dem Dinosaurierzeitalter meiner Kindheit, und den Bärlapp mag ich besonders, seitdem ich für das Auffinden eines solchen mal eine Belohnung von meinen Eltern bekommen habe, nämlich meine Playmobil-Affen :). Naja, nicht nur deshalb... ich finde prähistorische Gewächse generell toll, ich mag ja auch Farne und Schachtelhalme.


Bärlapp!

Es gibt sogar mehrere Sorten davon. Natürlich habe ich kein Bestimmungsbuch dabei.


Zwei verschiedene Sorten Bärlapp

Wir kommen um die Buckelwiesen nicht ganz drumherum. Aber es muß ja nicht elegant aussehen.


Einige Buckelwiesen müssen wir trotzdem überqueren

Kosh treibt sich noch auf den Steinen herum.


Kosh in der Landschaft

Wir haben uns angewöhnt, alles 'Fluß' zu nennen, was von Rinnsal aufwärts anfängt. Wie in Island auch ist das Wasser aller Flüsse trinkbar, sofern man ihm nicht ansieht, daß es sandig ist (Gletscherflüsse). Alles, wo man problemlos durchschauen kann, ist trinkbar. Das ist auch gut so - wenn wir auch noch das Wasser mitschleppen müßten, wäre das ziemlich blöde.


Ein Flüßchen, an dem wir gerade Wasser 'aufgetankt' haben

Ohnehin merke ich schon lange, daß ich eigentlich im Moment nicht sonderlich fit bin und die lange Tour - vor allem die Anstiege - nicht einfach so wegstecken kann, auch wenn wir nur mit Tagesgepäck laufen. Es ist aber tröstlich, daß Holger meint, die heutige wäre auch die schwerste Etappe. Na denn dann.


Wasser, Wolken, Steine...

Mittlerweile sind wir deutlich unter die Wolken gefallen und befinden uns jetzt zwischen dem Ikaasatsivaq-Fjord im Süden und dem schmalen Amitsivartiva-Fjord im Norden, wo wir auch lagern werden. Allerdings sind da noch ein paar Berge und so dazwischen ;).


Zwischen zwei Fjorden


Ein Fluß mit Weidenröschen

Ich bin begeistert, wie viele Weidenröschen es hier gibt.


Ganze Büschel von Weidenröschen

Zwischen uns und dem Zielfjord liegen noch diverse Flüsse, die wir aber mit List und Tücke überqueren können, ohne die Schuhe auszuziehen.


Immer wieder kleinere Flüßchen

Das ist der größere Fluß, von dem ich ursprünglich dachte, wir hätten den durchwaten müssen - mittlerweile bin ich aber Koshs Meinung, das der Watfluß einen Tag später war. Zumindest bei diesem Fluß kann ich mich daran erinnern, den letzten Seitenarm mit dem Sprungtrick überquert zu haben - die Wanderstöcke deutlich länger machen als zum Wandern, und dann damit sozusagen stabhochsprungmäßig über den Fluß setzen, indem man sie in der Mitte vom Wasser aufsetzt und dann als Sprunghilfe benutzt. Die langbeinigeren Menschen haben solche Tricks natürlich wieder nicht nötig, brummel. ;)


Größerer Fluß

Überhaupt habe ich auf diesem letzten Stück verhältnismäßig wenig Fotos gemacht und war auch abends viel zu fertig, um noch Tagebuch zu schreiben... es war schon eine verdammt anstrengende Etappe, und zum Schluß mußte ich mich tatsächlich sehr oft darauf konzentrieren, einfach nur vorwärts zu gehen, ohne sonst noch irgendetwas anderes zu tun.


Wir sind über den Fluß hinweg

Als wir endlich am Lagerplatz auf der rechten Seite des Fjords ankommen, sehen wir da schon einen Gepäckhaufen liegen - es ist aber nicht unserer. Das muß dann das Zeug von den Franzosen sein, die aber noch nicht da sind. Die sind ja auch weiter hochgegangen als wir. Kurz nach uns kommt aber auch unser Boot mit unserem Gepäck an, so daß wir jetzt in der Lage sind, als erste die Zelte aufzubauen. Wir machen uns zwar nicht extra breit, aber die geeignetsten Zeltplätze nehmen wir uns jetzt, schließlich waren wir zuerst da. Und, wie gesagt, die Routen von uns sind eigentlich bekannt - wenn die Franzosen unbedingt zur gleichen Zeit dieselbe Route laufen müssen, dann ist das eben doof für beide; wir finden's ja auch doof, daß die da sind.

Ich bin allerdings nach der Tagesetappe so fix und fertig, daß ich mich gleich bei der Ankunft irgendwo auf den Boden werfe und erst mal nichts mehr tue, deshalb gibt es vom Abend vom Lagerplatz auch kein Foto und nichts. Es fällt mir höllisch schwer, mich überhaupt wieder auf die Füße zu stellen und irgendwas hinsichtlich Zeltaufbau und dergleichen zu tun, als dann das Boot kommt. Zwar habe ich ja gute Schuhe und hatte keine Blasen oder so etwas, aber mir tut trotzdem alles weh, und ich bin einfach schlagkaputt.

Aber die schwerste Etappe habe ich offenbar geschafft, und insofern bin ich zuversichtlich, daß ich den Rest auch schaffe. Vor allem, weil Holger sagt, solche heftigen Anstiege kommen jetzt eigentlich nicht mehr, es sei nur noch mal technisch schwieriger. Das macht mir allerdings weniger aus; der heutige Tag hat mich aber ziemlich an meine Grenzen gebracht, einfach durch das Höhenprofil und die schiere Entfernung, wobei der lange hohe Anstieg eindeutig das größte Problem war, weil es die meiste Kraft gekostet hat. Klar, wenn es um Leben und Tod ginge, käme ich auch noch weiter, das geht uns allen so, aber wir sind alle froh, daß wir von Holger ein leckeres Abendessen bekommen (ich bewundere ihn restlos, daß er auch noch kocht, während ich mich eigentlich keine 30 cm mehr fortbewegen mag und nur noch irgendwo herumliegen möchte) und danach in unsere Zelte kriechen können. Daß die Franzosen ankommen und über unsere Anwesenheit genausowenig begeistert sind wie wir über ihre, bekomme ich nur noch so im Halbschlaf mit. Die schwerste Etappe ist geschafft... Zzzz.

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