Mittwoch, 12. November 2008

Steckdosengesellschaft!

Ich bin schon seit Ewigkeiten nicht mehr längere Strecken Bahn gefahren, aber Kosh meinte, es gäbe mittlerweile in den meisten Langstreckenzügen auch Steckdosen, also hatte ich diesmal den Laptop mitgenommen. Hier also der Erfahrungsbericht:

7.11.2008
IC 510 Fischer von Erlach, zwischen Graz und Leoben

06:52 h

Was tut man nicht alles für ein Schreiberlingstreffen - um 6:35 mit dem Zug wegfahren, bäh. Ich sitze also in meinem wenn's-denn-sein-muß-aber-war-die-billigste-Fahrkarte-1.Klasse-Waggon und stelle fest, daß die erste Klasse mir zwar pseudo-holzvertäfelte Wände, gefältelte Vorhänge in fragwürdiger Farbe sowie breite, seltsam gemusterte Sitze anbietet, aber keinerlei Steckdose und auch keine gescheiten Tische. Oh, well. Wozu hat ein Laptop einen Akku, und wozu heißt er Laptop. Vielleicht wird's ja ab Salzburg besser.
Ansonsten ist mein erster Eindruck der 1. Klasse, daß man hier häufiger gestört wird als in der 2. :ugly: - nicht nur wollte der Kontrolleur meine Fahrkarte sehen, sondern der Bordservice wollte wissen, ob ich was aus dem Bordservice haben wollte (wollte ich nicht), und der Schaffner wollte wissen, ob ich gern eine Zeitung zum Lesen möchte (wollte ich auch nicht). Er sah nicht so aus, als ob er Tische und Steckdosen im Angebot hätte.

Ansonsten herrscht im Zug zumindest in der 1. Klasse gähnende Leere, die Reservierung wäre also nicht nötig gewesen. Die 2. ist allerdings relativ voll. Naja, von dieser Aufteilung in Zügen halte ich sowieso eher wenig... gerade jetzt, wo die ICEs nicht sinnvoll fahren, könnte man vermutlich die Züge besser auslasten, indem man die Upgrades auf die 1. Klasse günstig anbietet... aber gut, die Bahn versteht ja eh keiner, das hat man an der Buchung für die Hinfahrt schon gemerkt. Das System schafft es nicht, mir die günstigste Hin- und Rückfahrt auf einmal zu buchen oder auch nur anzuzeigen, eben weil die Hinfahrt 1. Klasse ist und die Rückfahrt 2. Für das billigste Ticket in der 1. Klasse zahle ich jetzt 30 Euro weniger als für das noch verbliebene billigste in der 2., aber für die Rückfahrt waren die günstigsten 2.-Klasse-Tickets noch da. Aber dazu war das System nicht in der Lage - hätte ich mich also nach der Bahn gerichtet, statt selbst zu suchen und die beiden Buchungen getrennt zu machen, säße ich jetzt nicht hier, sondern wäre zu Hause geblieben. Warum ich die Hinfahrt nicht als Online-Ticket ausdrucken konnte, sondern mir per Post zuschicken lassen mußte (gegen Entgelt, versteht sich...), das weiß auch der Geier. Ich fahre ja eigentlich sehr gerne Bahn, aber so etwas verdirbt einem echt den Spaß am Bahnfahren.

Ich habe also eine 4er-Sitzgruppe für mich alleine, und der einzige andere Mensch im Großraumwaggon sitzt am anderen Ende und liest Zeitung. Draußen fließt die Mur in der Landschaft herum; ich glaube zumindest, daß die das ist. Kühe weiden friedlich vor sich hin, und der Rest hängt mehr oder weniger in Wolken.

IC 2296, Salzburg Hauptbahnhof

11:38 h

Yay. Der IC von Graz kam pünktlich um 10:44 hier an, und da der nächste Zug erst 11:53 fahren würde und der Fahrplan mir das auch bestätigte, habe ich erst mal gemütlich per Handy Kosh vom Stand der Dinge berichtet (Handy Österreich-Österreich ist halt noch günstiger als hinter der Grenze ;) ) und mich dann aufgemacht, um einen Supermarkt aufzustöbern und eine zweite Flasche Getränk zu besorgen, weil ich von daheim keine große Flasche mitnehmen wollte und wir nur noch eine kleine hatten. Danach zurück zum Bahnhof und auf den richtigen Bahnsteig, da war's dann etwa viertel nach elf, und da stand ein Zug. Nichts auf der Anzeigetafel, aber am Zug selbst stand die richtige Nummer, und München - Stuttgart - Frankfurt. Richtung stimmte auch. Also den ganzen Zug entlanggedackelt... wir fahren ja erste Klasse, nicht wahr, und diese Waggons standen am weitesten draußen ;). Die Türen waren auch aufmachbar, also rein und in den rumliegenden Zugbegleiter geschaut. Der richtige Zug ist es, und in Ulm hält er auch irgendwann. Bahnverbindungen nach Göppingen (da spuckt mein Ticket nämlich nur lapidar "Nahverkehr" aus ab Ulm) stehen auch drin. Na, was will man mehr. Uuuuuund - an jedem Platz gibt's ne Steckdose für Laptops :) :) :). Yay. Überhaupt sieht dieser Zug etwas moderner aus, keine Holzvertäfelung und keine Vorhänge, damit so gemütlich wie'n Flugzeug, aber Steckdosen. Das ist das Wichtigste, ewig hält der Akku nämlich auch nicht. Mein eigentlicher Platz hätte so einen eher wacklichen Flugzeugtisch in der Rückenlehne des Vordersitzes, aber da der Zug hier zumindest in der 1. Klasse ähnlich leer zu sein scheint wie der IC von Graz aus, lasse ich mich mal frech an einem 4er-Tisch nieder und breite mich aus. Der Tisch ist superstabil und riesig. Eigentlich hätte ich vorher-nachher-Fotos machen sollen... in dem anderen Zug den Laptop auf einem Knie, neben diesem Mini-Seitentischchen, den Fuß auf der Heizung abgestützt, und jetzt das.

Allerdings steht auf der Steckdose die Warnung, maximal 90 W. Hm. Ich glaube zwar, daß ich mit meinem Laptop, der ja schon etwas älter ist, da auf der sicheren Seite bin, aber vielleicht sollte ich sichergehen, bevor die Sicherung rausfliegt. Das wäre peinlich. Ich studiere also mein Netzteil. Natürlich steht da die Leistung nicht drauf, nur Output-Spannung und -Stromstärke. Hmpf. Muß man auch noch selbst rechnen! Meinen Berechnungen nach frißt das Netzteil also 72 W, und ich stecke den Stecker in die Steckdose. Strom ist auch drauf. Yay.

Hui, und da fährt er auch schon los. Superleise, allerdings gab's hier im Zug auch keine "Wir fahren jetzt los"-Ansage und gar nichts. Ich habe auch keinen einzigen Menschen gesehen oder gehört, seitdem ich mich hier reingesetzt habe, auch draußen nicht. Creepy :uhoh:. Wenn jetzt Brad Dourif mit seiner Tasse reinkäme und lächeln würde, würde ich mich unwohl fühlen und nach Jokern mit Bleistiften Ausschau halten :uhoh:. Wir überqueren den Fluß (welcher immer das nun ist, der da durch Salzburg fließt), und links kann man im regnerischen Grau die Burg sehen. Für's Fotografieren ist es aber zu diesig, draußen ist alles grau. Also, auf zur nächsten Etappe nach Ulm.

Ah, eine Ansage - Freilassing. Sogar auf Deutsch und auf Englisch. Und es kommen Leute eingestiegen. Es gibt doch noch welche.

Der Schaffner kommt und beäugt mein Ticket. Nachdem der Mensch im Zug vorhin schon eine Frau aus der 1. Klasse geworfen hatte (bei fast komplett leerem Waggon. Klar. Als ob die jemanden gestört hätte. Aber nein, sie mußte zahlen oder in die zweite. Hmpf.), stelle ich fest, daß die wirklich dreimal draufgucken, ob's auch ein 1. Klasse-Ticket ist. Ja, es ist :snob:. Prompt fragt mich der Schaffner freundlich, ob ich einen Wunsch hätte, eine Tasse Kaffee oder sonst etwas. Ich sage wahrheitsgemäß, daß mein größter Wunsch die Steckdose gewesen wäre, und die sei ja da. Er grinst und meint, wenn ich was wollte, sollte ich mich nur melden. Ich bin etwas irritiert, da das Bordbistro eigentlich im nächsten Wagen direkt hinter meinem Rücken ist, wenn ich also was wollte, könnte ich gehen und mir was holen, aber gleich darauf kommt die Durchsage "Wir begrüßen Sie recht herzlich an Bord bla bla und freuen uns, Sie im Bordbistro willkommen zu heißen bla bla und in der 1. Klasse servieren wir Ihnen Essen und Getränke auch direkt am Platz." A-ha. So ein klein wenig komme ich mir schon leicht albern vor. Aber was soll man halt machen, wenn die 2. Klasse teurer ist als die 1.?!

9.11.2008
IC 2369, zwischen Göppingen und Ulm

13:48

Wäh, warum sind Wochenenden immer nur ein Wochenende lang?? Schon wieder sitze ich im Zug, diesmal ordentlich in der zweiten Klasse, und die ist auch ordentlich voll. Hier war die Reservierung also wirklich nötig, ich mußte auch den unrechtmäßigen Einwohner meines Platzes vertreiben. Steckdosen gibt's auch ein paar, allerdings nur für die 4er-Tische. WTF? Genau da sitzen doch immer Familien mit kleinen Kindern, nicht die Manager mit ihren Laptops. Ich habe Glück, daß ein 4er-Tisch direkt vor mir ist, und die dortige Familie mit kleinen Kindern sie offenbar nicht benötigt, weil die Karten spielen, so daß ich mich neben der Sitzlehne meiner Vorderleute eingestöpselt habe. Gegenüber der 4er-Tisch ist von einer Mutter mit 3 kleinen Kindern besetzt, die lauthals Käsekästchen spielen. Und da machen sie die Steckdosen hin. Bahn, eure Logik bitte?? Naja, ich kann froh sein, daß es überhaupt Steckdosen gibt und daß ich durch pures Glück von meinem Platz aus an eine drankomme. Manchmal kann man ja bei Ticketbestellungen angeben, ob man einen Platz mit Steckdose haben will oder nicht, aber im Internet gab's natürlich diese Ankreuzoption nicht. Natürlich, gerade bei den Leuten, die ihre Tickets im Internet bestellen, kann man diese Option nicht angeben... ja nee, is klar. Wie war das mit der Bahn und der Logik?
Wenn eine Steckdose da ist, will ich die Gelegenheit natürlich nützen, den Akku werde ich noch früh genug brauchen. Für die längste Zugetappe von Bischofshofen nach Graz hab ich nämlich garantiert wieder keine, wetten. :ugly:

Dafür ist der Tisch kaputt und läßt sich nicht ganz herunterklappen, und den 3-mm-Innensechskant, den ich vermutlich benötigen würde, den habe ich natürlich nicht dabei, zumindest ist der 4-mm, den ich dabeihabe, zu groß und der kleine Torx zu klein. Brummel. Vermutlich ginge auch der große Torx, den ich von meinem Schweizer Messer als einziges Bit nicht dabeihabe, weil ich den nie brauche. Brummel! Aber immerhin geht's leidlich, und wenn die Schafferin das nächste Mal hier vorbeikommt, werde ich sie fragen, ob sie ne Werkzeugkiste mit nem Satz Imbusschlüssel dabeihaben. Mal sehen, was sie dann sagt. Tja, JETZT bräuchte man den Service der 1. Klasse, wo alle naselang einer vorbeigedackelt kommt, ob man einen Wunsch hätte. Ja, einen Satz Imbusschlüssel, bitte.

EC 69, zwischen München und Salzburg

15:43

Natürlich hatten sie kein Werkzeug, aber immerhin war die Schaffnerin meiner Meinung, daß das so nicht richtig sei mit dem Tisch. Ja, da müßte man wohl mal was machen. Joh. Müßte man. Hättet ihr das passende Werkzeug dabei, hätt ich's euch ja gemacht, aber pfh. Mein Laptop ist klein genug, daß ich damit auch auf einer 30°-Schräge arbeiten kann. Es ist ja nur bis München.
Und das Umsteigen in München hat funktioniert. Mit 10 Minuten für 6 Gleise weiter war das der knappste. Aber der IC kam auf die Minute püntklich, und der andere stand schon da. Hier in der Gegend ist er zu 1/3 voll, diesmal habe ich ein Abteil. Das Abteil hat 2 Steckdosen unterhalb des Fensters. Ich habe einen Platz am Fenster. Yay. Und einen Tisch. In gerade.

Dafür ist die Stromversorgung offenbar etwas wacklig, zumindest eben war der Strom mal kurz weg. Aber wenn der nicht länger weg ist, kann ich damit leben und der Laptop auch. Alles da, was ich haben will. Leider muß ich in einer Stunde schon wieder umsteigen, in Salzburg. Aber je länger Steckdose, desto besser.

Im übrigen sitze ich im EC 69 im Waggon 266 auf Platz 66. Will mir die Bahn irgendwas mitteilen??

IC 613, zwischen Bischofshofen und Graz

18:33

Na, da hatte ich mich doch geirrt - hier gibt es Steckdosen. Allerdings gab's keine zwischen Salzburg und Bischofshofen, weswegen ich diese kurze Etappe dann fürs Essen, Mandarinen-Schälen, Mandarinen-Essen und MP3-Hören verwendet hatte und den Laptop gar nicht erst ausgepackt. Der Zug fuhr 2 Minuten zu spät los und dehnte diese Verspätung dann auf 5 Minuten aus. Was überhaupt nicht schlimm war, denn erstens hatte ich so immer noch 13 Minuten zum Umsteigen in Bischofshofen und zweitens hatte dieser IC hier auch 5 Minuten Verspätung. (Der am Bahnsteig gegenüber fahrende nach Wien auch.)

Und voll ist er. Irgendwie hatten diese Bahn-Deppen es geschafft, die Reservierungen zu verschusseln, jedenfalls war der Platz, den ich eigentlich haben sollte, in der ersten Klasse. Naja, das konnte nun nicht sein. Der Mensch im Abteil meinte, ja, sie hätten in Innsbruck gesagt, daß sie da Mist gemacht hätten und daß das dann im Waggon 10 sei, nicht in 12, wo ich ursprünglich hinsollte. Brmpf. Also zwei Waggons zurück. Unterwegs sah ich bei dem entsprechenden Platz im Waggon 11 zwar einen passenden Zettel, aber da war's der letzte freie Platz in einem ansonsten vollen Abteil, und es hatte ja 10 geheißen. Im Waggon 10 hingen dafür mal überhaupt keine Reservierungs-Zettel... das wollte ich dann auch nicht, schließlich hatte ich die Reservierung und wollte den Fensterplatz an der Steckdose ;). Also wieder zurück zu 11, und einmal das gesamte Abteil aufgescheucht, weil mein Rucksack nicht mehr oben ins Gepäcknetz paßte, ohne umzusortieren. Natürlich paßt der kleine Rucksack auch nicht auf die untere Ablage, so daß ich den jetzt zwischen den Füßen eingeklemmt habe. Die Handtasche hängt am Garderobenhaken, spielt also quasi rechte Kopfstütze. Gegenüber sitzt eine alte Frau, die vorhin die Füße (in Socken) auf meinem Sitz hatte und den Mantel hier hingehängt... tut mir ja leid, daß ich ihr die Fußstütze rauben muß und sie ihren Mantel jetzt bei sich haben muß, aber that's life. Ansonsten sitzen gegenüber noch zwei Typen und gucken Videos aufm Laptop. Ohne Steckdose. Ts. Naja, aber wenn sie die andere doch noch wollen, gibt ja zwei davon. Der Mensch neben mir lernt... Portugiesisch, wie's aussieht. Und links daneben sitzt noch eine Frau und tut nichts, was ich von hier aus sehen würde.

Thi, die alte Frau ist eben eh ausgestiegen, und die beiden Videogucker haben sich daraufhin erfreut auf die zweite Steckdose gestürzt. Ich sehe, wir verstehen uns. *g*

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hey! Gut zu lesen, dass Du ohne grosses Unglück mit dem Zug hin und heim kamst! Vermutlich trifft das Unglück nur Kosh? Tja, das mit den Steckdosen kriegen sie wohl nie auf die Reihe. Mittem in deinem Bericht dachte ich schon, du wärst bereits im Zug, aber dieser fährt erst nochmal in die Waschanlage oder so....kommt ja auch manchmal vor....

Centaurea hat gesagt…

Abenteuer Bahn. Großartig!
Aber immerhin gab es keine längeren Unterbrechungen und dein Zugabteil wurde nicht irgendwo abgekoppelt und nach Timbuktu umgeleitet. Muss man ja froh sein drüber.

(Seien wir gespannt, ob ich das Captcha richtig lese...)