Montag, 21. Februar 2011

Tag 1 – Das Buch, das du zur Zeit liest

(Ich weiß, daß da eigentlich 'zurzeit' stand und daß 'zur Zeit' nach neuer RS falsch ist. Aber ich schreibe nun mal da, wo ich herrsche, nach der alten (mit einer einzigen Ausnahme ;) ), und Mischmasch aus beiden fände ich doof.)

Da geht's nun ohnehin schon los. Wie, "das Buch"??

Ich lese doch nie nur ein Buch. Da gibt's die Bücher, die ich aus der Bibliothek oder anderswo ausgeliehen habe und die deswegen nicht mit in die Badewanne dürfen. Da gibt's das Buch, was zum Lesen neben dem Klo liegt. Es gibt das, was auf dem Nachttisch liegt. Pardon: die, die auf dem Nachttisch liegen. Es gibt die, die ich in den Rucksack packe, wenn ich zum Arzt gehe oder stundenlang irgendwo unterwegs bin. Es gibt die, die... you get the idea.

Irgendjemand schrieb mal "reading one book is like eating one potato chip". Geht gar nicht.

Google sagt übrigens, daß Diane Duane das geschrieben hat - ich bin halbwegs überrascht, denn die steht hier auch im Bücherregal. Allerdings habe ich das Zitat sicher nicht direkt bei ihr gelesen.

Aber ich schweife ab. Und greife mir aus den Büchern, die ich gerade lese, eben eins raus, um darüber zu bloggen, statt noch weiter über die Fragestellung rumzupiensen.

Andrzej Sapkowski - Lux Perpetua

Genaugenommen ist das der dritte Teil einer Trilogie. Ich glaube, es ist schon länger her, daß ich ein deutschsprachiges Buch neu gekauft oder - wie in dem Fall - mir gewünscht hatte. Hier liegt's daran, daß ich die Originalsprache, nämlich Polnisch, nun wirklich nicht kann.

Wie ich auf Sapkowski gekommen bin... nun, über das Computerspiel "The Witcher". Das basiert auf Geschichten des genannten Autors und hat großartige Dialoge, also wollte ich doch mal sehen, was der Schreiberling sonst so schreibt. Die Geralt-Saga habe ich zwar noch nicht durch, aber aus diversen Gründen (tm) gibt's da das nächste Buch für mich erst gegen Ende des Jahres. Also: Narrenturm-Trilogie.

Verdict: Hmmmmm. Also, die Geralt-Saga von ihm gefällt mir besser. Aaaaber. Erstens ist das Äpfel und Fische verglichen, weil's zwei ganz verschiedene Dinge sind, und zweitens rangiert die Geralt-Saga recht weit oben in meiner persönlichen "Mag ich"-Liste. Zu sagen, daß mir etwas weniger gut gefällt, hat also was von 'Lachs schmeckt mir aber besser' - das gilt für fast alles, da kann der Narrenturm nichts dafür.

Zunächst mal hat die Narrenturm-Trilogie ein interessantes Setting: es ist eigentlich ein historischer Roman, sprich, in der realen Geschichte angesiedelt. Ich sage 'eigentlich', weil darin Magie existiert und auch funktioniert. Also wohl nicht ganz historisch korrekt, es sei denn, er erklärt auch noch schlüssig, wieso die Magie nach dem Ende des Buches aus der Welt und den Geschichtsbüchern verschwindet. Die Ansätze genau dazu hat er aber ohnehin schon drin. Überhaupt fügt sich das Ganze sehr harmonisch zusammen, es gibt keine nervigen Zauberergestalten, die mal eben mit den Fingern schnippen und die Welt retten können. Die meisten von denen backen auch nur kleine Brötchen, zumal Magie nicht gerade beliebt ist, sondern von der Kirche verboten. Wie überraschend.

Die Bücher spielen im 15. Jahrhundert größtenteils in Schlesien; die Person, um die sich das Ganze dreht, wird zwar auf den Klappentexten gern als Medicus bezeichnet, und das stimmt auch, aber in erster Linie ist es ein unglaublicher Dummdussel, dessen Hauptbeschäftigung darin besteht, in Schwierigkeiten zu geraten. Und daran ist er üblicherweise selbst schuld und hätte das Ganze eigentlich auch verdient, wenn nicht die Schwierigkeiten dann ebenso üblicherweise mindestens eine Nummer größer ausfallen würden als verdient.

Das Buch liest sich spannend, auch wenn man sehr oft weiß, was kommt - Reynevan gerät in Schwierigkeiten, duh -, aber eben nicht, wer ihn nun diesmal wie aus dem Schlamassel rettet und was dann der nächste Schlamassel ist. Und da gibt's dann doch eine beeindruckende Variationsbreite, die Reynevan aber auch nötig hat.

Das Drumherum artet bisweilen in eine Mischung aus Geschichtsstunde und generellem Mord-und-Totschlag-brennt-alles-nieder allenthalben aus, was durchaus für Zeit und Ort historisch korrekt ist, aber auf die Dauer etwas anstrengend wird. Über leider handelsübliche sehr häßliche Folter- und Umbring-Methoden sieht der Autor auch nicht beschönigend hinweg. Da denke ich, so viel Authentizität hätt manchmal nicht sein müssen. Aber es ist irgendwie beruhigend normal, wenn gelegentlich einer der Buchcharaktere nach einem entsprechenden Anblick auch erst mal in die Büsche reihert.

Daß man nebendran nicht nur die historische Landkarte (die der erste Band mitliefert), sondern besser auch noch ein "Who is who und wer regiert gerade was oder auch nicht" aufgeschlagen haben sollte (was man selbst basteln müßte), ist für Leute, die das Silmarillion gewohnt sind, dagegen kein Minus.

Das für mich Ungewohnteste an diesem Buch ist die sprachliche Vielfalt. Es wird, historisch sicher auch vollkommen korrekt, sehr oft Latein gesprochen, daneben Polnisch, Tschechisch, Englisch, Französisch... bzw. deren historische Versionen ("böhmisch" etc.). Und der Übersetzer hat das dankenswerterweise so gelassen, wie es war - da ein Anteil dieses Sprachwirrwarrs im Original auch deutsch gewesen sein dürfte, was nun in der Übersetzung nicht mehr auffällt, gibt sich das somit nicht viel; unsereins versteht halt das Polnische nicht, während der polnische Leser nicht unbedingt Deutsch versteht.

Und so ergibt sich für mich eine interessante Mischung: das Latein verstehe ich halbwegs bis größtenteils, wie es eben auch damals (tm) ein dementsprechend gebildeter Mensch hätte lesen können. Von dem tschechischen Kram verstehe ich bestenfalls ein paar Bruchstücke, aber vom polnischen nur Bahnhof.

Natürlich ist das alles hinten im Buch sehr gut übersetzt und erklärt, aber fürs Leseerlebnis reicht es mir tatsächlich und gefällt mir gut, da so drüberzulesen, wie es ist, und erst hinterher, oder allenfalls bei "Hä? Ich glaub, ich verpeil hier grad was Wichtiges" bzw. bei großer Neugier nachzuschlagen. So bleibt tatsächlich ein gewisses Realitätsgefühl, daß ich bei dem lateinischen Geschwätz der Alchimisten und Kirchenleutchen halbwegs mitkomme, aber wenn die polnischen Söldner Befehle durch die Gegend brüllen oder abends am Lagerfeuer irgendwelche Liedchen singen, versteh ich eben nu mal nur Bahnhof.

So wie ich es in der Realität ja auch würde... ich erinnere mich an diverse Lager in Slowenien, wo eben der Bürgermeister seine Rede auf slowenisch hält (größtenteils Bahnhof), die Söldner aus Bratislava ihren Schwertkampf-Kram auf slowakisch machen (etwas weniger Bahnhof), der kirchliche Chor aus Burghausen seinen Kram auf deutsch (Bahnhof für den Großteil der Einheimischen), und der Händler mit dem besten Holzgeschirr aus Ungarn kommt und nur ungarisch spricht (Bahnhof für alle). Das funktioniert durchaus und hat seinen eigenen Charme. Vom Realismus (nennt man das so?) mal ganz abgesehen.

Leider kommt Sapkowskis Humor in der Narrenturm-Trilogie nicht ganz so zum Zuge wie anderswo. Das liegt vermutlich am generellen Mord und Totschlag, ist aber trotzdem schade, denn das ist eine seiner großen Stärken.

Ganz ohne Anspielungen geht's natürlich auch beim Narrenturm nicht... die abendliche Religionsdiskussion am Tisch im Jahre 14paarundzwanzig: "Da kommt's noch irgendwann so weit, daß irgendwer Sonstwer irgendwelche Thesen an die nächste Kirchentür nagelt und LUTHER DU DRECKSVIECH, RUNTER VOM TISCH!!" - und die ortsansässige Katze verschwindet maulend um die Ecke.

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