Montag, 28. Februar 2011

Tag 4 – Dein Haßbuch

Isch 'abe gar kein 'aßbuch. Also, es gibt kein mir bekanntes Buch, das ich hasse. Bücher, die ich hassen würde (da gäbe es sicher einige), würde ich nicht lesen, und 'Schullektüre' ist ohnehin ein anderes Kapitel, das kommt ja noch.

Aber dann wäre das Posting langweilig, also wird das Ganze etwas abgeschwächt, und dann fallen doch zumindest drei Bücher in einer bestimmten Form darunter. Wobei es dann diese Form ist und nicht das Buch selbst!

Also, in no particular order, erstens.

Amazon hat vor Urzeiten eine Umfrage gemacht, in der unter anderem die Fragen vorkamen "a) Welches Buch müßte beim ersten Besuch bei XY in der Wohnung im Bücherregal stehen, damit Sie sich spontan in XY verlieben?" und "b) Welches Buch müßte beim ersten Besuch bei XY in der Wohnung im Bücherregal stehen, damit Sie sofort die Wohnung verlassen und XY nicht mehr mögen?", so was in der Art.

Natürlich war das überspitzt formuliert (ich glaube, fluchtartig abhauen würde ich nur, wenn da sowas wie Nazibücher oder eine Anleitung zum Amoklauf stünden...), aber damals gab's Gutscheine für die Umfrage, es mußte also eine brauchbare Antwort her.

Und damals hatte ich die perfekt passenden sinngemäß abgemilderten Antworten nach einem kurzen Moment des Nachdenkens und schrieb mit Überzeugung:

a) The Lord of the Rings, Originalfassung oder Carroux-Übersetzung,
b) The Lord of the Rings, Krege-Übersetzung.

Leider habe ich nie erfahren, wie viele Leute dasselbe geschrieben haben (im Forum waren es doch einige...*g*), und was Amazon sich dabei gedacht hat, als es das las.

Dazu sei gesagt: ich hasse weder Herrn Krege noch seine Übersetzung. Herrn Krege kenne ich nicht, und was seine Übersetzung betrifft... 'Haß' wäre ein zu starkes Wort. Ich sagte ja, ich habe kein Haßbuch. Und wenn ich eins hätte, wäre es sicher nicht 'der Krege'.

Das Passendste, was ich über den Krege jemals gelesen habe, war "[Krege] ist an einen geliebten Klassiker mit falscher Prämisse herangegangen".

Ich weiß nicht mehr, wo das stand und wer das geschrieben hatte, aber es paßt sehr gut auf meine Ansicht. Ob die blöde Idee Prämisse, den HdR sprachlich zu 'modernisieren', nun von Krege stammte oder von Klett-Cotta... jedenfalls war's meines Erachtens die falsche, ganz eindeutig.

Es gab mal in den 80ern eine Version von einigen von Grimms Märchen in sogenannter 'Jugendsprache', das nannte sich "12 bockstarke Märchen", aber das war eben genau das - eine mehr-oder-weniger Parodie. Witzig gemeint. Und sogar halbwegs witzig gemacht. Es ist aber garantiert nicht das, was ich haben will, wenn ich Grimms Märchen lesen möchte!

Nee, also 'Chef' geht mal gar nicht. Aber es sind ja nicht nur solche Brüller, es sind auch Kleinigkeiten, wo mir der Sprachstil sehr "autsch... das tut aber schon weh!" unpassend erscheint, und das durchweg. Es ist und bleibt - eine Übersetzung unter falscher Prämisse.
"Thema verfehlt" in dem Sinne, daß von vornherein das Thema ein verfehltes war.

Und ich sehe die Filmfassung zwar nicht oft auf deutsch, aber ich bin trotzdem sehr, sehr froh, daß sich die Filmsynchronisation an der Carroux-Übersetzung orientiert hat. Die ist sicherlich nicht perfekt und hat auch einige Fehler bzw. grobe Unschönheiten drin ("Ich bin Théodens Torwart"!), aber die sprachliche Atmosphäre finde ich insgesamt einfach stimmiger.

(Über den 'Torwart' habe ich tatsächlich mehrmals drübergelesen, ohne es überhaupt zu merken. Das kommt davon, wenn man gar nicht an Fußball denkt beim Lesen.
Etwas Ähnliches hat allerdings auch Simrock verbrochen, der in seinen Edda-Übersetzungen so in Dingen wie "Alfheim - Welt der Alfen", "Jötunheim - Welt der Riesen" drin war (im Isländischen heißt 'heimur' nun mal Welt), daß er vermutlich auch nicht drauf kam, daß dies für die 'Welt der Menschen' dann in Odins Rabenzauber ein wenig seltsam klingt:

[Da trieb aus dem Tore wieder der Tag
Sein schön mit Gestein geschmücktes Roß;]
Weit über Mannheim glänzte die Mähne


Nun ja, etwas anderes paßt auch kaum ins Versmaß, vielleicht hat er's deswegen trotzdem genommen, aber es liest sich doch ein wenig irritierend, gerade wenn Mannheim ziemlich in der Nähe liegt.)

Zweitens.

Die (wieder eingestellte) Omnibus-Ausgabe der "Mark Brandis"-Reihe.

Zuerst war ich froh, daß die Dinger überhaupt mal wieder einer auflegt, weil die alten Herder-Ausgaben doch schon großteils vergriffen waren, als ich sie lesen wollte... ich freute mich also und lehnte mich erwartungsvoll mit dem neuen Buch zurück, die Geschichte selbst kannte ich ja schon aus der Bibliothek.

Und dann kam der Hammer.

In einem der ersten Bände sammelt der Kommandant auf einem JWD-Außenposten eine Banditenbande ein und stellt einen Teil von denen nach einer Schießerei unter sein Kommando. Und er grübelt darüber, ob er einem von denen, der im Prinzip ein Mörder ist, einen Zerstörer anvertrauen soll. Eigentlich will er nicht. Aber nun, er hat nicht so die Auswahl und tut es dann doch, und der Mann bewährt sich, auch wenn der Zerstörer nach einem Gefecht trotzdem in die Werkstatt muß, worüber der Ex-Bandit untröstlich ist. Das Ganze passiert am Rande, sicherlich, aber es wird drüber nachgedacht und das auch geschrieben.

Und in der Neuauflage dachte ich mir, Moooment, da war doch diese Geschichte mit diesem Banditen. Aber die wurde mit keinem Wort erwähnt! Also, schon, aber von dieser ganzen Kiste mit "geb ich dem jetzt das Kommando über den Zerstörer, obwohl er Sergeant X erschossen hat?" und der Bemerkung nach dem Kampf - kein Wort. DAS HABEN DIE SCHWEINE STILLSCHWEIGEND RAUSGESTRICHEN!!

Es steht nirgends drauf, daß das Buch gekürzt ist! Zumal das ja nicht mal eine simple Kürzung ist, sondern das ist so gezielt, daß man nur "zensiert" dazu sagen kann. Da hat jemand, der offenbar nicht mochte, daß hier ein Verbrecher ohne große Diskussion 'rehabilitiert' wird, genau diese Passagen gestrichen. Und sagt es nirgends - das konnte nur jemand finden wie ich, der die alte Ausgabe zufälligerweise so gut auswendig konnte, daß die fehlenden zwei oder drei Sätze auffielen.

Aber ich dachte mir natürlich, spinn ich?!, das KANN doch hierzulande und heutzutage nicht sein, daß jemand da stillschweigend Dinge aus dem Buch streicht... andererseits ist mein Gedächtnis, was solche Sachen betrifft, sehr zuverlässig, und ich konnte die fehlenden Sätze ja fast wortwörtlich hinschreiben. Logischerweise habe ich mir den entsprechenden Band aus der Bibliothek geholt und verglichen... und Tatsache, in dem alten standen die Sätze auch drin, an die ich mich erinnerte. In dem neuen fehlten sie. Also, da hätte ich dann das neuaufgelegte Buch, über das ich mich anfangs so gefreut hatte, am liebsten gegen die nächste Wand gefeuert, oder, noch besser, dem Verantwortlichen ins Gesicht.

Ob da noch mehr solche Dinger in der Neuauflage drin waren, weiß ich nicht - nach diesem Erlebnis hatte ich keine Lust mehr, sie genauer zu lesen, solange ich Zugriff auf die Herder-Ausgaben hatte, und ärgerte mich, daß ich in die ersten beiden Bände Geld investiert hatte. (Den zweiten Band der Reihe, den ich als Jugendlicher nie hatte auftreiben können, habe ich zwar trotzdem gelesen - aber mit dem mulmigen Gefühl, was da nun vielleicht fehlt und was ich mangels Vergleich nicht merke, und ergo habe ich mir den später auch bei Ebay (als es dann Ebay gab ;)) in der alten Ausgabe gekauft.)
Ich war über die Omnibus-Ausgabe mehr als nur enttäuscht, ich war stocksauer. Und man merkt, daß sich das seitdem nicht geändert hat.

Nee, Leute. So nicht. Wenn sie die Reihe nicht ohnehin bald wieder eingestellt hätten (und ich glaube, der Verlag ist auch pleite gegangen - geschähe ihnen so recht!), hätte ich da einen bitterbösen Brief geschrieben, und nicht nur denen. Wenn sich da schon jemand erdreistet, ein Buch auf diese Weise zu zensieren (wenn's der Autor gewollt hätte, hätte man ja reinschreiben können (und sollen!) "vom Autor redigierte/überarbeitete Fassung"!), dann will ich das wenigstens vorher wissen, damit ich es nicht versehentlich kaufe. SO NICHT. Da werde ich ernsthaft sauer, und so etwas zieht wirklich meinen Haß auf sich.

Drittens.

Stellvertretend für alle wirklich schlechten Übersetzungen: die deutsche Erst-Fassung von Harry Potter 1.
Als ich angefangen habe, Harry Potter zu lesen, war ich schon laaange dabei, englische Originale gleich in der Originalfassung zu lesen, deswegen hatte ich die deutsche Fassung nur einmal in der Hand.
Und hätte sie fast fallen lassen, denn da stand gleich ziemlich am Anfang, wofür Dumbledore berühmt war, nämlich unter anderem "die sechs Anwendungen für Drachenmilch".

...WTFrak??

Ich wußte aus der Originalfassung, daß es zwölf Anwendungen von Drachenblut sein mußten, und frage mich bis heute, wie man daraus so einen Quark übersetzen kann.

Ich meine: Drachenmilch!! Okay, vielleicht war's spät und der Übersetzer müde, vielleicht konnte er nicht mehr bis 12 zählen, ok, aber - ein guter Teil des Buchs handelt davon, daß Drachen Eier legen. Und selbst wenn dem nicht so wäre, weiß man doch eigentlich zur Genüge, daß Drachen keine Säugetiere sind. Was also sollte dieser Schwachsinn darstellen??

Ich weiß, Übersetzer haben einen schwierigen Job und werden nicht annähernd anständig bezahlt, Zeitdruck, alles, aber gerade bei Kinderbüchern finde ich diese Art von Schluderei, die da präsentiert wird, inakzeptabel. Solche Schnitzer finden sich da nämlich im ganzen Buch, daß Informationen fehlen oder verfälscht werden - es ist nicht mal nur sprachlicher Unfug, es ist vor allem eben auch inhaltlich falsch oder unvollständig.

Leider ist bei Computerspielen diese Unsitte auch mittlerweile recht verbreitet, ein vor Fehlern starrendes Produkt auf den Markt zu werfen, drauf zu warten, daß die Käufer (!) die Arbeit machen und die Probleme auflisten, und dann erst eine verbesserte Version als Patch nachzuschieben - da finde ich's schon nicht gut, aber Bücher lassen sich nicht so einfach mal eben patchen. Da muß man sich doch eben ein bißchen mehr Mühe geben, und ja, das geht vor allem an die Verlage, die es auch merken sollten, daß es zu Unmut bei der Kundschaft führt, wenn die Übersetzung so lieblos und unsorgfältig hingeschreddert wird. Klar haben sie's in späteren Auflagen (ab Auflage 42 oder so) verbessert, aber der Erstkäufer ist immer noch der Depp.

Zwar hasse ich keine Bücher, aber so mit ihnen umzugehen wie in den drei genannten Fällen, das kann ich hassen. Mehr oder weniger.

Aus dieser Auswahl hasse ich die stillschweigenden Brandis-Zensierer am meisten - denn das war nicht mal grobe Unfähigkeit oder Dummheit, das war Vorsatz. Und sehr viel übler als ihre Streichungen nehme ich ihnen ihr Schweigen darüber.
(Es gibt mittlerweile eine neue Neuauflage von Brandis, die sehr gelungen aussieht. Aber soll ich mir jetzt die ersten Bände bestellen und erst genau in den Text reinschauen, ob wieder Zeug fehlt, bevor ich mich drüber freue?)

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4 Kommentare:

FrauKatz hat gesagt…

HACH! :D

Cirdan hat gesagt…

Danke für diesen schönen Beitrag. Ich denke Hauptursache für immer mehr schlechte Übersetzungen sind Geldmangel und Zeitdruck. Die Konsumenten wollen immer schneller immer günstigere Produkte (Geiz-ist-Geil-Prinzip")... Filme am liebsten gleichzeitig mit US-Filmstart und am besten kostenlos, Bücher so schnell wie möglich, aber bitte nicht über 10 Euro, usw... und dem versuchen die Filmfirmen, die Verlage und all die anderen gerecht zu werden.

Ranwen hat gesagt…

@FrauKatz: Ja, bitte...? ;)

@Cirdan: Danke für den schönen Kommentar :) das macht direkt Lust auf einen eigenen Übersetz-Beitrag... es gibt da eh einige Saure-Gurken-Tage in diesem 31-Tage-Dings, da kann ich das gut machen.

Und ich habe auch tatsächlich das Originalposting wiedergefunden, wann ich diese Amazon-Umfrage gemacht habe: April 2004, während des Serverumzugs vom Forum *g*.

Witzigerweise ging's gleich danach auch um eine dämliche Übersetzung.
(Und ich finde noch einige Dinge in dem Posting, über die ich damals wie heute geschimpft habe ;).)

Ich zitiere aus dem Archiv (was übrigens toll ist, weil es solche Dinge auf Anfrage sofort ausgräbt! Man denke sich allerdings ein paar mehr Smileys.):


1.4.2004
[...]
10:20 Endlich meine korrigierten Versionen der beiden Jahresberichte eingereicht. Seit Tagen hab ich das vor mir hergeschoben. Und jetzt ist der eine sogar VOR Ablauf der offiziellen Deadline eingereicht. Und es hat alles reibungslos funktioniert. Wieso wird meine Laune dann nicht besser? Bei der Forumsseite auf "Aktualisieren" geklickt. Server nicht gefunden. Jetzt weiß ich, warum.

[...]

11:23 Bei Amazon Kundenfragebogen ausgefüllt. "Sie sind beim ersten Besuch in der Wohnung Ihres/r Traummanns/frau (ich hasse diese politisch korrekten Fragebögen/böginnen...). Welches Buch müßte im Regal stehen, damit Sie sich verlieben?" Na was wohl, Lord of the Rings, englische OV oder deutsche Carroux-Übersetzung. (Besitzt mein Freund heut noch nicht, und ich hab mich trotzdem verliebt. Ausnahme! ;) ) "Bei welchem Buch im Regal würden Sie fluchtartig die Wohnung verlassen?" Auch einfach: *tipp* Herr der Ringe, Wolfgang Krege Übersetzung. (Konnte mich nur nicht dazu entschließen, "der Chef mit den fetten Klunkern" zu schreiben, ich glaub, das würden die nicht verstehen.) Bin zufrieden mit meinen Antworten *g*.


11:24 *pruust* "Welches Buch würden Sie vor Ihren Gästen verstecken?" Vor meinen üblichen Gästen, gar keins. Allerdings "die perfekte Liebhaberin" vor meinen Eltern... übrigens noch so eine dämliche deutsche Titelübersetzung. "Perfekt", pah. [Barbossa-Modus]Pfh![/Barbossa-Modus] [Gollum-"Tüften"-Modus]Pflh*speuz*!![/G.-T.-M.] Wer keine Ahnung hat, sollte das Übersetzen sein lassen. Das Original heißt IIRC "How to be a great lover". Dazu ist dieses Buch dann aber auch nicht unbedingt notwendig... aber immerhin, fürs Ausfüllen des Fragebogens gibts einen Gutschein. Take what you can...

12:31 Vom Mittagessen zurück. Keine Mails, kein Server. Nicht mal ne Antwort auf eine einfache und völlig forumsunabhängige Frage, die ich dem anderen Kollegen gestellt hatte. Das Universum ist wieder mal extrem doof heute. Bei der Forumsseite auf "Aktualisieren" geklickt. Server nicht gefunden. Sag ich doch, alles doof.


Tja, damals (tm). ;)

Sie lasen einen Ausschnitt aus Teil 2 meiner Serverausfalltagebücher *g*.

Ranwen hat gesagt…

Yähks - als ich den Beitrag geschrieben habe, gab's noch keinen :ugly:-Smiley!

Damals (tm) hatte der :haemmernd: diesen Job, zumindest einen Großteil davon.

Iiiist das lang her.